Der handlungsorientierte Ansatz des GER

Handlungsorientierung nach dem GER verständlich erklärt: Lernende als sozial Handelnde, Szenarien, Sprachmittlung und Kann-Beschreibungen im Unterricht.

MethodenVeröffentlicht

Der handlungsorientierte Ansatz ist das Grundverständnis des Gemeinsamen europäischen Referenzrahmens für Sprachen (GER): Lernende sind „sozial Handelnde“, die mit Sprache Aufgaben in realen Situationen bewältigen, allein oder mit anderen. Sprache wird nicht erst gelernt und später angewendet, sondern im Handeln erworben. Für die Unterrichtsplanung bedeutet das: zuerst festlegen, was die Lernenden in welcher Situation und mit wem tun können sollen, und erst dann Grammatik und Wortschatz auswählen.

Herkunft und Dokumente

Der Europarat hat den GER 2001 veröffentlicht. Bekannt ist er vor allem für die Niveaustufen A1 bis C2, sein eigentlicher Kern ist aber die Handlungsorientierung. 2020 erschien der Begleitband (Companion Volume), der die Deskriptoren überarbeitet und erweitert hat, unter anderem für Sprachmittlung, Online-Interaktion sowie plurilinguale und plurikulturelle Kompetenz. Beide Dokumente stellt der Europarat auf seiner GER-Website frei zur Verfügung, der Begleitband liegt auch in deutscher Fassung vor.

Der Ansatz knüpft an den kommunikativen Unterricht an, verschiebt aber den Schwerpunkt: Nicht nur „Kann die Person kommunizieren?“, sondern „Kann sie in einer Situation erfolgreich handeln, mit Sprache als einem ihrer Werkzeuge?“

Vier Aktivitätsbereiche statt vier Fertigkeiten

Viele planen noch entlang von Hören, Lesen, Sprechen und Schreiben. Der GER, besonders im Begleitband, ordnet sprachliche Aktivitäten vier Bereichen zu:

Bereich Bedeutung Beispiel im Unterricht
Rezeption gesprochene, geschriebene oder audiovisuelle Texte verstehen eine Wohnungsanzeige daraufhin prüfen, ob sie zu bestimmten Wünschen passt
Produktion eigene Texte sprechen oder schreiben eine kurze Videobotschaft an eine Partnerklasse aufnehmen
Interaktion sich mündlich oder schriftlich austauschen, auch online im Chat einen gemeinsamen Termin aushandeln
Sprachmittlung anderen Inhalte zugänglich machen eine deutsche Zeitungsmeldung auf Englisch für eine Austauschschülerin zusammenfassen

Die vier Fertigkeiten verschwinden nicht, sie werden aber in zielgerichtetes Handeln eingebettet. Auch die Beziehung zwischen den Beteiligten wird sichtbar.

Was „sozial handelnd“ im Unterricht heißt

Wer sozial handelt, hat ein Ziel, einen Kontext und Gegenüber. Eine handlungsorientierte Aufgabe legt deshalb fest:

  • eine Situation (Schüleraustausch, Hotelrezeption, Elternabend, Nachbarschaftstreffen),
  • eine Rolle für die lernende Person,
  • ein Ziel, das Sprache erfordert (buchen, überzeugen, erklären, sich einigen),
  • Gegenüber, mit denen interagiert wird,
  • Bedingungen wie Zeit, Register oder Medium.

Darum passt der Ansatz so gut zum aufgabenorientierten Sprachunterricht: Der Aufgabenzyklus liefert die Stundenstruktur, der GER die Ziele und Deskriptoren.

Ein Szenario als Beispiel (B1)

Szenarien verbinden mehrere Aufgaben zu einer kurzen Abfolge rund um eine Situation. Ein kompaktes Beispiel zum Anpassen:

Situation: Eine Partnerklasse aus dem Ausland ist drei Tage zu Besuch. Ihre Gruppe gestaltet das Samstagsprogramm.

  1. Rezeption: drei kurze Beschreibungen von Freizeitangeboten lesen, Vor- und Nachteile notieren.
  2. Interaktion: in der Gruppe ein Programm innerhalb eines Budgets vereinbaren.
  3. Sprachmittlung: Ein Gast versteht den Busfahrplan nicht. Erklären Sie ihn in einfacher Zielsprache.
  4. Produktion: eine kurze Begrüßungsnachricht mit dem Programm schreiben.

Kann-Fokus: „Ich kann mich in einer Gruppendiskussion auf einen Plan einigen und meine Vorlieben begründen.“

Der Sprachfokus (Vorschläge, Begründungen, Anweisungen vereinfachen) ergibt sich aus dem Szenario, nicht umgekehrt.

Sprachmittlung: der unterschätzte Teil

Für den Unterricht im deutschsprachigen Raum ist Sprachmittlung kein neues Thema, sie ist in vielen Lehrplänen und Prüfungen der Sekundarstufe seit Jahren fester Bestandteil. Der Begleitband beschreibt sie nun deutlich breiter. Einfache Formen:

  • einen Text in der Zielsprache für jemanden zusammenfassen, der ihn nicht gelesen hat,
  • einem Partner eine Grafik oder Tabelle erklären, die er nicht sieht,
  • Informationen aus einem deutschen Text in der Zielsprache weitergeben,
  • einer Gruppe helfen, ein Missverständnis aufzuklären.

In mehrsprachigen Klassen, etwa im DaZ-Unterricht, werten Mittlungsaufgaben zudem die Herkunftssprachen auf. Das verbindet den Ansatz mit dem interkulturellen Lernen.

Kann-Beschreibungen als Planungswerkzeug

Kann-Beschreibungen formulieren, was Lernende auf einem Niveau tun können. Sie helfen dreifach:

  1. Planung: Zu Beginn einer Einheit ein bis zwei Deskriptoren wählen und die Abschlussaufgabe daran ausrichten.
  2. Transparenz: Den Deskriptor in lernerfreundlicher Sprache zu Beginn teilen.
  3. Bewertung: Den Deskriptor zum Kern eines kurzen Rasters und der Selbsteinschätzung machen.

Kopieren Sie keine langen Deskriptorenlisten in Arbeitsblätter. Auswählen, vereinfachen, nutzen. Was die einzelnen Stufen bedeuten, erklärt unser Überblick über die GER-Niveaustufen A1 bis C2.

Häufige Missverständnisse

  • „Handlungsorientiert heißt nur Sprechen.“ Lese-, Schreib- und Mittlungsaufgaben sind genauso handlungsorientiert, wenn sie einem Ziel dienen.
  • „Grammatik ist egal.“ Linguistische Kompetenz ist Teil des GER-Modells. Sie wird bezogen auf Aufgaben vermittelt, nicht abgeschafft.
  • „Der GER ist ein Lehrplan.“ Er ist ein Referenzrahmen. Bildungsstandards und Lehrpläne der Länder und Kantone greifen ihn auf unterschiedliche Weise auf.

Ihr nächster Schritt

Nehmen Sie das nächste Lernziel, etwa „Perfekt“, und formulieren Sie es als Kann-Beschreibung: „Ich kann einer Freundin erzählen, was auf einem Ausflug passiert ist, in der richtigen Reihenfolge.“ Entwerfen Sie dann eine Situation, in der die Lernenden genau das brauchen. Weitere Ansätze finden Sie im Bereich Methoden.

Häufige Fragen

Ist Handlungsorientierung eine Unterrichtsmethode?

Nicht im Sinne eines festen Ablaufs. Der GER beschreibt ein Verständnis von Sprachverwendung und Sprachenlernen und überlässt die Methodenwahl den Lehrkräften. Aufgabenorientierter Unterricht und Szenarien sind verbreitete Umsetzungen.

Was ist Sprachmittlung nach dem GER?

Sprachmittlung meint Situationen, in denen jemand anderen etwas zugänglich macht: einen Text sinngemäß zusammenfassen, eine Grafik erklären, informell dolmetschen oder einer Gruppe helfen, sich zu einigen. Im Begleitband hat sie eigene Skalen.

Ist Sprachmittlung dasselbe wie Übersetzen?

Nein. Bei der Sprachmittlung geht es um sinngemäße, adressatengerechte Weitergabe, nicht um wortgetreue Übertragung. Im Unterricht in Deutschland ist sie seit Längerem in vielen Lehrplänen und Prüfungsformaten verankert, wobei die Ausgestaltung je nach Land variiert.

Muss jede Stunde ein großes Szenario sein?

Nein. Auch eine zehnminütige Aufgabe ist handlungsorientiert, wenn sie eine Situation, eine Rolle und ein Ziel hat. Szenarien eignen sich eher als Abschluss einer Einheit.

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